Schwyzerörgeli-Quartett Längenberg, CD "In alter Frische"

Neue CD «In alter Frische»: Tradition trifft Innovation beim Schwyzerörgeli-Quartett Längenberg

Seit 45 Jahren prägt das Schwyzerörgeli-Quartett Längenberg die Berner Örgeli-Szene mit seinem unverwechselbaren Sound. Jetzt legt die Formation mit «In alter Frische» ihre neueste CD vor – und der Titel ist Programm: 18 Titel, davon 17 Eigenkompositionen, die zeigen, dass Tradition und Kreativität sich ergänzen.
In einer Zeit, in der Streaming dominiert, setzt das Quartett auch auf das physische Medium CD. Warum? Das und mehr verrät uns Daniel Kissling, eines der prägenden Mitglieder der Formation. Im Interview erzählt er von der Entstehung des Albums, dem kreativen Prozess hinter den Eigenkompositionen und was den typischen «Längenberg-Sound» ausmacht, der über die Jahrzehnte zur eigenen Marke geworden ist.

Die Längenberger in der heutigen Besetzung: Benz Hefti, Daniel Kissling, André von Siebenthal und Bruno Marti.
Die Längenberger in der heutigen Besetzung: Benz Hefti, Daniel Kissling, André von Siebenthal und Bruno Marti.

Haeme Ulrich: «In alter Frische» – ein Titel, der sowohl Tradition als auch Neuanfang verspricht. Wie kam es zu diesem Namen und was bedeutet er für euch als Quartett nach 45 Jahren?

Daniel Kissling: Den Titel darf man gewissermassen als Wortspiel verstehen. «Alter» steht für die langjährige Freundschaft und das langjährige Bestehen unseres Quartetts, und im Gegenzug weist das Wort «Frische» auf die Neubesetzung von Ueli Burri hin, die durch unser jüngstes Mitglied André von Siebenthal verkörpert wird. Er hat unseren Altersdurchschnitt wesentlich nach unten korrigiert, haha!

André von Siebenthal und Bruno Marti im Tonstudio.
André von Siebenthal und Bruno Marti im Tonstudio.

Haeme Ulrich: 17 von 18 Titeln sind Eigenkompositionen – das ist eine beeindruckende Quote. War das von Anfang an das Ziel für diese CD, oder hat sich das im Entstehungsprozess so ergeben?

Daniel Kissling: Das ist eigentlich ganz zufällig so entstanden. Ursprünglich gingen wir von 14 Titeln aus, welche wir im Studio einspielen wollten, waren dann aber so gut im Schuss, dass wir auf 18 Titel aufstockten.

Haeme Ulrich: In Zeiten von Spotify und Apple Music: Was motiviert euch, 2025 noch eine physische CD zu produzieren?

Daniel Kissling: Ich kann das an einem Beispiel genau erklären. Ich sehe im Regal eine Flasche Wein mit einem wunderschönen Etikett, welches mir verrät, dass der Wein älter ist als ich selbst, aus einem der besten Weingebiete und einer der renommiertesten Weinkellereien stammt. Dies bewirkt in mir den Wunsch, einmal von diesem Wein zu kosten, weil er mir wertvoll und aussergewöhnlich erscheint. Stünde dort aber ein Plastikbeutel und es wäre ein Zettel aufgeklebt, der mir zwar dieselben Informationen vermitteln würde, hätte ich trotzdem den Eindruck, etwas Minderwertigeres zu kaufen als in der Flasche. Wenn ich also eine CD höre und dabei noch Bilder und Texte von den «Längenbergern» anschauen und lesen kann, dann ist der Musikgenuss und das Empfinden irgendwie anders, als wenn ich auf eine schwarze, unpersönliche Chipkarte schaue. Etwas Wertvolles sollte auch eine schöne Verpackung bekommen. Schon nur der Gedanke, künftig auf eine Chipkarte reduziert zu werden, macht mich traurig.

Benz Hefti bei den Aufnahmen.
Benz Hefti bei den Aufnahmen.

Haeme Ulrich: Wie entstehen eure Eigenkompositionen? Komponiert jedes Mitglied für sich, oder ist das auch ein gemeinsamer Prozess im Quartett?

Daniel Kissling: Das Komponieren ist und war bisher immer ein unabhängiger Prozess. Ausser, es war bewusst vorgesehen, eine gemeinsame Melodie zu kreieren. Dies kam in unserer Musikkarriere bisher erst zweimal vor. Das war damals der Titel «Zäme baschtlet» auf der CD «Gränzelos» und auf der jetzigen, neuen CD der Titel «44 Jahre Längenberg». Beim Letzteren war die Absicht, dass jeder der drei verbleibenden «alten» Längenberger, also Benz, Bruno und ich, einen Teil komponiert, um diesen Titel zur Erinnerung an unsere tolle Zeit, unserem Freund Ueli Burri zu widmen, also quasi unser Geschenk an ihn.

Haeme Ulrich: Ihr sprecht von einem «typischen Längenberg-Sound», der über die Jahre zur eigenen Marke geworden ist. Was genau macht diesen Sound aus? Wie würdest du ihn jemandem beschreiben, der euch noch nie gehört hat?

Daniel Kissling: Unsere Kompositionen vermitteln Glück, aber auch Wehmut und Nachdenklichkeit zugleich, haben eine schöne Verzierung im Hintergrund und einen eigenen «Schmiss». Da wir hauptsächlich eigene Kompositionen spielen, kommen diese Faktoren bei der eigenen Musik auch stärker zur Geltung.

Daniel Kissling während der Aufnahmen für die neue CD «In alter Frische».
Daniel Kissling während der Aufnahmen für die neue CD «In alter Frische».

Haeme Ulrich: Ihr betont den «Berner-Stil» als euer Ding. Was unterscheidet den Berner Örgeli-Stil von anderen regionalen Stilen?

Daniel Kissling: Ich denke, dass der Berner Stil sehr warme und eingängige Melodien bietet, welche in vielen Fällen zweistimmig dargeboten werden. Ein Musikant spielt also beide Stimmen gleichzeitig. Mehr ins Detail würde ich jetzt da nicht gehen.

Haeme Ulrich: Auf eurer Website steht: «Wer auf virtuose Kompositionen steht, mal rassig oder auch mal etwas fürs Herz …» – wie schafft ihr diese Balance zwischen technischem Können und emotionaler Tiefe?

Daniel Kissling: Ich glaube, dass sich diese Balance dadurch ergibt, dass sich jeder einzelne «Längenberger» in einer anderen Lebensphase befindet und sich dadurch mit anderen Dingen beschäftigt und anderen Einflüssen ausgesetzt ist. Daraus resultieren mal wehmütige und sanfte, mal schmissige, aufgestellte Melodien.

Haeme Ulrich: Nach 45 Jahren: Was hat sich in der Örgeli-Szene am meisten verändert, und was ist gleich geblieben?

Daniel Kissling: Als ich mit 16 Jahren bei den «Längenberger» einstieg, waren die meisten unserer Zuhörer um die 40 Jahre alt. Heute bin ich 60 und die erwähnte Zuhörerschaft müsste demnach rund 84 Jahre alt sein. Kurz gesagt: Viele unserer Fans aus erster Stunde sind bereits verstorben oder oftmals nicht mehr mobil. Somit hat sich die Anzahl an Zuhörern über die Jahrzehnte hinweg, ständig etwas dezimiert. Natürlich gibt es nach wie vor viele neue, junge Musikantinnen und Musikanten, doch sind diese eben auch wie die jungen Menschen getaktet und legen sich in letzter Minute fest, ob sie an eines unserer Konzerte gehen, oder etwas Anderes unternehmen. So treu, wie wir damals als junge Musikanten unsere älteren Vorbilder supportet haben, findet es heute nicht mehr statt. Dies hat aber auch damit zu tun, dass die Jugend heute einen anderen Musikstil entwickelt und nicht mehr zwingend die «alte Musik» mit in die Zukunft tragen will. Eine weitere Veränderung ist natürlich das «Beizensterben». Immer weniger Musiklokale bei gleichbleibender oder zunehmender Anzahl von Musikformationen.

Haeme Ulrich: Wie seht ihr die Zukunft der Schwyzerörgeli-Musik?

Daniel Kissling: Ich gehe mal davon aus, dass die Schwyzerörgeli-Musik von Quartetten, wie wir eines sind, allmählich verschwinden wird, durch Überalterung vernichtet. Aber das ist mein ganz persönliches Gefühl. Ob das mal so zutreffen wird, sage ich dir in 20 Jahren!

Haeme Ulrich: Was wünscht ihr euch für die Reaktionen auf «In alter Frische»? Was sollen die Hörerinnen und Hörer mitnehmen?

Daniel Kissling: Sie sollen die Schönheit und den Wert dieser Musik weiterhin schätzen oder neu entdecken und sich bewusst werden, wie wichtig ihr Konzertbesuch ist, zur Unterstützung einer jeden Formation. Ansonsten wird die Schweiz oder, lokaler gedacht, der Kanton Bern, einen wichtigen Teil an «Swissness» oder «Bernness» verlieren.

Haeme Ulrich: Und schliesslich: Wo und wie kann man die CD kaufen?

Daniel Kissling: Wir freuen uns natürlich über jede verkaufte CD, welche über unseren eigenen «Längenberger-Webshop» abgewickelt wird. So können wir unsere Produktionskosten wieder einspielen und uns auf die nächste Produktion freuen!

Daniel Kissling

Daniel Kissling vom Schwyzerörgeli-Quartett Längenberg.
Daniel Kissling, Schwyzerörgeli-Quartett Längenberg.
  • Geboren am 2. Juli 1965
  • Aufgewachsen in Rothrist AG
  • Gelernter Möbelschreiner
  • Geschieden, Vater dreier erwachsener Kinder.
  • Lebt seit 2003 in Gurmels FR
  • Arbeitet seit 1985 beim Archäologischen Dienst, betrieb noch zusätzlich zwischen 2004 und 2024 eine eigene Whisky‑Importfirma.

Mit 9 Jahren lernte er örgele. Er spielte ab 1976 als festes Mitglied bei den Aarauer Schwyzerörgeli-Fründe, dann bei der Grossformation Heinz Merz, 1979 bis 1981 bei den Ländlerbuebe Biel und seit 1981 beim Schwyzerörgeli-Quartett Längenberg. Vor dem Wechsel zu den Ländlerbuebe spielte er Bündner Musik mit Klarinette und half gelegentlich den Landjägerbuebe Chur/Splügen sowie Urs Glauser aus. Ab 1981 war er als grosser Fan der Schmidbuebe zusätzlich musikalisch mit Gody Schmid unterwegs, was Anfang der 90er Jahre endete.
Er ist ein leidenschaftlicher und tiefgründiger Mensch, der sich über vieles Gedanken macht. Er mag Menschen um sich, wählt diese aber sorgfältig aus. Seine sensible Art zeigt sich auch in seinen Kompositionen. Er geniesst das Leben mit seiner Partnerin Erika.

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