Produktion des Balges für ein Schwyzerörgeli.

Das Handwerk hinter deinem Örgeli-Balg

Seit Herbst 2024 produziert Reist Örgeli AG im bernischen Wasen hochwertige Örgeli-Bälge – und das nicht nur für die eigenen Instrumente, sondern auch für Mitbewerber, die keine eigene Balgproduktion haben. Damit ist Reist einer von vier Balgherstellern in der Schweiz. Was vor knapp fünfzig Jahren durch den gelernten Kartonager Ueli Lüdi in Grosshöchstetten begonnen hat, führt Reist heute mit viel Herzblut weiter.
Zu einem hochwertigen Schwyzerörgeli gehört ein hochwertiger Balg. Grund genug, einen Blick hinter die Kulissen der Balgproduktion zu werfen. Ich habe einen Vormittag in der neu eingerichteten Balgmacherei bei Reist verbracht und durfte mit Monique Bettler, der Leiterin der Balgmacherei, und Adrian Gehri, Mitglied der Geschäftsleitung von Reist Örgeli AG, sprechen.

Für welche Instrumente stellt ihr Bälge her?

Adrian: Fast ausschliesslich für Schwyzerörgeli. Für Langnauerli auch, aber in kleinen Stückzahlen. Akkordeons spielen kaum eine Rolle – der Balg ist dort vom Volumen her etwas weniger heikel als beim Örgeli. Deshalb werden Akkordeon-Bälge mehrheitlich importiert und nicht in der Schweiz produziert.

Woraus besteht ein Balg?

Monique: Der Balgrahmen ist aus Holz. Der Balg selbst besteht aus Karton, Leinen zum Zusammensetzen, Kunstleder und echtem Leder. Das Kunstleder ist übrigens dasselbe, das auch in der Buchproduktion verwendet wird.
Der Balg wird mit Papier, Stoff oder Leinen überzogen – wobei Stoff oder Leinen heute kaum noch gewünscht wird. Fast hundert Prozent der Bälge werden mit bedrucktem Papier überzogen. Die Kundinnen und Kunden können dabei aus einem grossen Angebot an unterschiedlichen Designs auswählen.

Monique Bettler klebt das Innendeko-Papier auf.
Adrian Gehri bei einem Schubladenstock voller Innendeko-Papiere.

Wie lange dauert die Herstellung eines Balges?

Monique: Acht bis neun Stunden. Das hängt davon ab, ob ein Balg für ein zweichöriges Instrument mit 14 Falten oder für ein dreichöriges Instrument mit 15 Falten hergestellt wird. Die Herstellung des Balgrahmens ist dabei noch nicht mitgerechnet.
Sind Papierbändel auf dem Balgrahmen, so ist das Anbringen dieser Bändel ebenfalls Teil der Balgproduktion.
Adrian: Balgrahmen mit Schnitzereien und Intarsien entstehen in unserer hauseigenen Schreinerei. Bauernmalerei kommt von extern. Heute werden Balgrahmen eher schlicht gehalten – ich vermute, dass sich das mit der nächsten Modeströmung wieder ändern könnte.

Gefalzter Karton, Grundlage des späteren Balges.
Die Leimmaschine im Zentrum der Produktion.

Wie viele Bälge pro Jahr stellt ihr her?

Monique: Aktuell decken wir die Nachfrage mit rund fünf Bälgen pro Woche ab. Dazu kommen noch die Reparaturen. Wir reparieren heute mehr Bälge als früher. Meistens sind es die Leder-Ecken oder die «Bändeli» auf dem Balgrahmen, die ersetzt werden müssen.
Adrian: Pro Woche reparieren wir zwei bis drei Bälge. Kürzlich sogar einen Balg, der durch Niesen einen Wasserfleck abbekommen hatte. Oder Bälge, die durch nicht fachgerechte Reparaturen beschädigt worden waren.
Ich empfehle Musikerinnen und Musikern grundsätzlich, einen eingespielten Balg lieber zu reparieren, als einen neuen zu kaufen, der erst wieder eingespielt werden muss. Auch aus Nachhaltigkeitsgründen macht das absolut Sinn.
Monique: Dazu kommen noch die Restauration und das Nachbauen von historischen Bälgen an alten Instrumenten.

Bälge werden gepresst, damit sie später exakt die vorgegebene Grösse erreichen.

Wie sieht der grobe Arbeitsablauf aus?

  1. Monique: Zuerst wird der Karton gefalzt. Aktuell haben wir noch gefalzte Balgteile aus der Zeit von Ueli Lüdi. Das Falzen ist übrigens eine Wissenschaft für sich: Der Karton wird zuerst gedämpft, damit er sich leichter umlegen lässt. Adrian: Wir wollen mit der Zeit definitiv selbst falzen – wir haben bereits zwei Falzmaschinen im Haus.
  2. Adrian: Als Nächstes wird der gefalzte Karton eingefräst und auf die Gehrung geschnitten. Das machen wir wegen der dafür geeigneten Maschinen ausserhalb der Balgproduktion. Monique: Dann wird der Balg auf die Grössen der unterschiedlichen Modelle angepasst, damit er zum jeweiligen Balgrahmen passt.
  3. Monique: Nun wird der Balg zusammengesetzt. Die vier Seiten aus Karton werden mit Leinen zum eigentlichen Balg zusammengeheftet. Das Leinen wird später von Lederecken überdeckt.
  4. Monique: Danach wird der Balg an den Balgrahmen geleimt. Adrian: In der Balgproduktion wird alles geleimt – nichts verschraubt, nichts genagelt. (lacht)
  5. Adrian: Nun wird das Spickel-Leder in die Innenseite des Falzes geleimt. Dazu verwenden wir Spezialleder – und entgegen einer weitverbreiteten Annahme: Es ist kein Ziegenleder. Dieser Arbeitsschritt entscheidet massgeblich über die spätere Dichtheit des Balges. Monique: Das muss rasant gehen, damit der Leim nicht eintrocknet, bevor die Spickel montiert sind.
  6. Monique: Nach jedem Arbeitsschritt wird der Balg mit Gewicht gepresst. Wir haben Formen, über die der Balg gestülpt wird, damit er später exakt die vorgegebene Grösse erreicht.
  7. Adrian: Jetzt wird das sichtbare Innendeko-Papier auf den Karton geleimt. Das hat vor allem eine optische Funktion – man sieht es, sobald der Balg geöffnet wird.
  8. Monique: Dann werden die «Bändeli» aus Kunstleder über die Balgkanten geleimt. Sie schützen die Ecken. Danach muss der Balg gleichmässig austrocknen – etwa eine Nacht lang.
  9. Adrian: Jetzt kommen die Lederecken über die Leinen (siehe Punkt 3). Das ist eine Eigenheit von Örgeli-Bälgen – Akkordeons haben Ecken aus Metall. Die Lederecken sind in der Regel bunt und geben einen schönen Kontrast zu den «Bändeli».
  10. Monique: Nun decken wir den Übergang vom Balg zum Balgrahmen ab. Wir nennen das den «Abschluss». Er wird aus dem gleichen Material gemacht wie die «Bändeli» (siehe Punkt 8).
  11. Adrian: Jetzt wird der Balg «eingespielt». Damit das nicht jemand nächtelang von Hand machen muss, haben wir Maschinen, die den Balg durch kontinuierliche Bewegung schön geschmeidig machen.
  12. Monique: Zum Schluss bandagieren wir die Bälge für die Auslieferung. So bleibt der Balg schön geschlossen, bis er am Instrument montiert wird. Alle diese Schritte verteilen sich über eine Woche.
Die Dichtheit des Balges wird maschinell geprüft.

Was ist der schwierigste Teil in der Balgproduktion?

Monique: Das «Eggele» (siehe Punkt 9) – das sieht man einfach am besten. Und generell ist es wichtig, so zu arbeiten, dass der Leim nicht eintrocknet, bevor ein Arbeitsgang abgeschlossen ist.
Adrian: Zusammenfassend kann man sagen, dass es einen guten Kompromiss braucht zwischen zügigem Arbeiten und dem notwendigen Ruhenlassen des Materials. Es braucht Geduld und Tempo zugleich. Jeder Schritt muss professionell und sorgfältig gemacht werden. Am Ende zählen sowohl die Optik als auch die Dichtheit des Balges.

Auch Bälge an historischen Instrumenten werden revidiert oder neu hergestellt.

Was zeichnet einen guten Balg aus?

Adrian: Der Balg muss am Ende exakt die vorgegebene Grösse haben, damit er zum Instrument passt und das Spielen so angenehm wie möglich ist. Dann natürlich die Dichtigkeit – bei den im Vergleich zum Akkordeon kleinen Schwyzerörgeli-Bälgen ist das absolut zentral. Und ein Balg darf nicht «stossen», wenn er fast geschlossen ist, und nicht «ziehen», wenn er ganz ausgezogen ist. Er darf keinen Lärm durch Kleben verursachen – das kommt von falschem Leim. Der Balg muss schön laufen, was durch die optimale Anzahl Falten und die richtige Faltenhöhe sichergestellt wird. Und schliesslich die Dauerhaftigkeit: Man ersetzt einen Balg erst, wenn er wirklich kaputt ist.

Balgrahmen und Balg werden exakt nach den Wünschen der Kundinnen und Kunden hergestellt.

Ihr habt die Balgmacherei von Ueli Lüdi in Grosshöchstetten übernommen, als er mit 85 Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst produzieren konnte. Was zeichnet Lüdi-Bälge aus – und was bedeutet es für euch, dieses Erbe weiterzuführen?

Adrian: Die Qualität der «Lüdi-Bälge» ist in der ganzen Szene ein Begriff. Ueli hat rund 45 Jahre lang Qualitätsbälge produziert. Ruedi Reist Senior, der Gründer von Reist Örgeli, war massgeblich dafür mitverantwortlich, dass Ueli Lüdi überhaupt mit der Balgproduktion begonnen hat. In den Anfängen bezog Senior Reist die Bälge bei «Nussbaumer», bis ein Reist-Kunde den Kontakt zu Ueli Lüdi herstellte. Als gelernter Kartonager kannte Ueli den Umgang mit dem Material – so setzte bereits der erste Lüdi-Balg neue Massstäbe in Sachen Qualität.
Monique: Bis zur Übernahme durch Reist Örgeli AG habe ich bei Ueli Lüdi gearbeitet. Ich war die einzige Mitarbeiterin, die mehrere Arbeitsschritte kannte. Aber die vollständige Übersicht über die Balgproduktion hatte ausschliesslich Ueli – und er wollte nicht, dass jemand ausser ihm die Geheimnisse hinter den Lüdi-Bälgen kannte.
Ueli hat durch akribische Leitung die Qualität ständig überwacht. Er war unglaublich exakt und forderte dasselbe von uns. Es freut mich deshalb umso mehr, dass die Lüdi-Geschichte jetzt im Wasen weitergeschrieben wird.
Adrian: Für uns war klar: Die Balgproduktion musste weitergehen. Ohne Lüdi-Bälge hätte es für den Schwyzerörgeli-Markt schlicht zu wenig Bälge gegeben. Als Ueli Lüdi das erste Mal kürzertreten musste, ist der Örgelibauer Sergio Theiler aus Wald ZH eingesprungen – jedoch nie mit der Absicht, sich ausschliesslich der Balgproduktion zu widmen. So ist eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Sergio und uns entstanden. Wir kaufen gemeinsam Material ein und sind in regem Austausch. Denn vieles ändert sich in der Balgproduktion: Früher konnte man das Material im Buchbinderbedarf einkaufen – durch den Rückgang der Buchproduktion ist es heute eine echte Herausforderung, geeignetes Material zu finden. Aber wir haben es geschafft: Die im Wasen produzierten Bälge bereiten Freude. Eine Erfolgsgeschichte – für uns, für unsere Balgkunden, für den Standort Wasen und für die ganze Örgeli-Szene.

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4 Kommentare

  1. Tolle Geschichte! Meine beiden Örgeli sind mit Lüdi-Bälgen bestückt, und es freut mich sehr, dass die Geschichte nun bei Reist weitergeht.

  2. Wow, spannend, wieviele Arbeitsschritte es benötigt um ein so schönes Kunstwerk zu schaffen. Danke für den Einblick in diesen Betrieb.

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