Ein Gastkommentar von Walter Fölmli, Musikproduzent bei PHONOPLAY INTERNATIONAL
Ist es der Sache dienlich?
In letzter Zeit fällt mir auf, dass sich fast wöchentlich Musikproduktionen aus dem Genre der Volksmusik in der offiziellen Schweizer Hitparade auf den vordersten Plätzen positionieren. Wie ist so etwas möglich?
Das funktioniert nur mit einem sogenannten «Buebetrickli»: Man kann für ein neues Produkt Vorbestellungen aufnehmen, die dann am Erscheinungstermin der Produktion an die Kunden ausgeliefert werden. Voraussetzung ist, dass die Auslieferung über den Vertrieb erfolgt, damit es für die Hitparadenplatzierung zählt. So ist es heute möglich, mit Vorbestellungen von zirka 100 bis 200 Tonträgern(!) in vorderste Plätze vorzustossen. Möglich macht dies einzig der eingebrochene physische Tonträgermarkt. Man liest dann auf den sozialen Portalen, wie ein Produkt XY aus der Schweizer Volksmusik direkt auf Platz XY in den Album-Charts der offiziellen Schweizer Hitparade eingestiegen ist und liest dann dazu auf den sozialen Medien Einträge wie: «Wir sind vom Erfolg überwältigt, es ist unglaublich, sensationell, wir sind auf Augenhöhe mit internationalen Weltstars», alle Beteiligten danken sich, jubeln einander hoch und man liest auch noch andere Superlative Formulierungen. So weit, so gut, alles legitim, rechtens und die allgemeinen Vorgaben der Verantwortlichen der Hitparade lassen das letztendlich ja auch zu. Ich mag es wirklich jedem von Herzen gönnen, wenn er einen solchen Erfolg erzielen darf. Chapeau!
Interessant ist nun aber Folgendes: So direkt wie die Produktionen auf den vordersten Plätzen einsteigen, steigen sie meistens eine Woche später auch wieder aus und man sucht sie dann vergebens in den Plätzen von 1 bis 100 der Schweizer Hitparaden-Charts. Angesichts dessen sei die Frage erlaubt, ob dies dann statt eines grossen Erfolges nicht eher als Flop zu bewerten ist? Als kleines Trostpflaster für alle Beteiligten findet man dann diese Produktionen eine Woche später dafür wenigstens noch in der Hitwelle (Musikwelle) auf den vordersten Plätzen. Das ist aber nur eine logische Konsequenz der CH-Hitparaden-Platzierung eine Woche vorher. Wenn die Produktion dann aber auch dort nach einer Woche so direkt, wie sie eingestiegen ist, auch wieder ausgestiegen ist, sei auch hier nochmals die Frage erlaubt, ob dies dann nicht sogar als sehr grossen Flop bezeichnet werden muss?

Für mich ist ein Produkt dann erfolgreich, wenn es sich in der Hitparade über mehrere Wochen, ohne künstliches pushen, halten kann. Da ist für mich ein echtes Bedürfnis der Konsumenten spürbar und für mich ein Indiz für einen «echten» Erfolg und ein Qualitätsmerkmal dieser Produktion. Auf das dürfen dann auch alle Beteiligten getrost und zurecht stolz sein. Alles andere ist und war für mich schon immer mehr als fragwürdig, weil es doch letztendlich nur eine Illusion nährt, und nur einen sogenannten «Erfolg» vorgaukelt und ausser etwas Fake-Aufmerksamkeit niemanden wirklich nachhaltig weiterbringt.
Deshalb sei hier die Frage erlaubt: Ist es unserer Sache längerfristig dienlich, wenn Produktionen künstlich so nach vorne gepusht werden, ausser für das Prestige und «Ego» der Macher dahinter?
Ich sehe meine Gedanken keineswegs als Kritik, sondern es ist nur das, was ich in letzter Zeit feststelle und wahrnehme. Letztendlich darf ja jeder für sich selbst entscheiden, wie er «seine» Welt kreiert und wie viel Illusion oder Realität er leben möchte.
Walter Fölmli